Die Zukunft des Lesens
Vor einiger Zeit beobachtete ich eine interessante Begebenheit in einem Buchladen. Während ich auf der Suche nach neuer Lektüre durch die Regale stöberte, bekam ich ein Gespräch zwischen einem Vater und seiner Tochter mit. Das Mädchen wünschte sich ein neues Buch. Ihr Vater fragte daraufhin erstaunt, warum sie denn so einen altmodischen Kram haben wolle, schließlich habe sie doch einen E-Book-Reader. Seine Tochter beharrte jedoch darauf, lieber ein klassisches Buch lesen zu wollen.
Dieser umgekehrte Generationenkonflikt, in dem meine Sympathien eindeutig auf Seiten der jungen Leserin lagen, regte mich zum Nachdenken an.
Vielen geht es wie dem Vater: Für sie ist das E-Book die Zukunft des Lesens. Doch was heißt das eigentlich genau? Werden in einigen Jahren keine Bücher mehr auf Papier gedruckt? Werden E-Books anders konsumiert als Bücher in Papierform?
Mit diesen Fragen bin nicht nur ich beschäftigt. Zur Erforschung dieser Thematik wurde eine Forschungsinitiative gegründet: die Evolution of Reading in the Age of Digitisation (E-READ).
Fast zweihundert Wissenschaftler aus den Gebieten Lesen, Publizieren und Lese- bzw. Schreibfähigkeit setzen hier einen Schwerpunkt darauf, ob Leser - in erster Linie Kinder und junge Erwachsene - Texte anders lesen und deren Inhalte verstehen, wenn sie auf Papier gedruckt sind oder in digitaler Form erschienen sind.
Das Ergebnis der Forschungen belegt wissenschaftlich, dass es einen Unterschied macht, auf welchem Medium ein Text gelesen wird. Dabei ist die entscheidende Frage nicht, welche Art des Lesens die bessere ist. Es geht darum, herauszufinden, wie sich der Umgang mit Texten verändert hat und wie sich die Eigenschaften verschiedener Medien am besten einsetzen las-sen.
Unbestreitbar ist: Die Textmenge, die pro Tag und Kopf gelesen wird, ist in Zeiten von Online-Medien extrem angestiegen. Allerdings werden digitale Texte weitaus häufiger überflogen als konzentriert gelesen. So können schnell große Textmengen zu-sammenkommen. Eine Schlussfolgerung der E-READ Gruppe lautet also, es macht einen Unterschied, auf welchem Medium ein Text gelesen wird. Eine zentrale Erkenntnis: Geht es um ein tiefes Verständnis von längeren Texten, bleibt Papier das Lesemedium der Wahl.
Das Lesen langer Texte ist wichtig, um Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnis zu trainieren und fördert zusätzlich den Aufbau des Wortschatzes. Damit ist natürlich vor allem der Bereich Bildung aufgerufen sich mit dieser Thematik auseinanderzuset-zen. Wie sollen Kinder in Zukunft lesen lernen? Wann ist der richtige Zeitpunkt, digitale Medien in den Lehrplan zu integrie-ren?
Für die Bildung können digitale Medien aber in anderer Hinsicht wertvoll werden. Die Digitalisierung bietet neue, flexible Möglichkeiten im Umgang mit Menschen, die Schwierigkeiten mit dem Lesen haben. Texte und Geräte können auf individuelle Bedürfnisse angepasst werden, um beispielsweise Analphabeten beim Lesen lernen besser zu unterstützen.
Klar ist: Entscheidend für ein gutes Textverständnis ist Selbst-kontrolle. Natürlich sind auf digitalen Geräten die Möglichkeiten für Ablenkung unmittelbar verfügbar. Doch auch beim Lesen eines Buches können wir von Geräten in unserer Umgebung abgelenkt werden.
Ich selbst glaube nicht, dass E-Books in absehbarer Zeit gedruckte Bücher vom Markt verdrängen. Jedenfalls ist das meine Hoffnung. Denn Romane, die nur in Clouds durch die online Welt wabern klingen für mich eher nach Dystopie. Daher auch meine eingangs erwähnte Sympathie für den Wunsch des Mäd-chens.
Zum Lesen gehört es für mich dazu ein Buch in den Händen zu halten und durch die Seiten zu blättern. Ein E-Book kann dieses Gefühl für mich nicht ersetzen und ich bin davon über-zeugt, dass es auch in meiner Generation einige gibt, denen es ähnlich geht.