Der Jugendstil
Zwischen meinem 3. und 9. Lebensjahr wohnte ich mit meiner Familie in einem Jugendstil-Haus in Reinbek boi Ham-burg. Ich erinnere mich insbesondere an ein großes Trep-penhaus-Fenster, das ähnlich einem Kirchenfenster durch viele verschiedene Farben bestach. Dieses Haus war mein erster Kontakt zu der Kunstbewegung Jugendstil oder der Art Nouveau, unter welcher Bezeichnung sie außerhalb Deutschlands geführt wird.
Seine Wurzeln hat der Jugendstil inạArts and Craft", einer englischen Bewegung von Künstlem, Architekten und Handwerkern.
Sie thematisierten den Rückgang der handwerklichen Tradition durch die Massenproduktion der Industrialisierung. Ihr Ziel war eine Gegenbewegung, die das Handwerk mit der Kunst verbindet und so beides im alltäglichen Leben erlebbar macht. Das Handwerk sollte nicht mehr nur funktional sein, sondern auch die Ästhetik eines Kunstwerkes besitzen. Die Künstler des Jugendstils ließen sich gleichermaßen durch alte Kunstepochen sowie die Natur inspirieren. Die typischen Kennzeichen des Jugendstils sind häufig der Natur nachempfunden. So findet man beispielsweise dekorative fließende Linien und florale Or-namente. Tiere werden in symbolischer Art dargestellt und stehen stellvertretend für ein bestimmtes Ziel oder eine Tugend.
Der Jugendstil hatte seine Blütezeit von ca. 1890 bis 1910. Der deutsche Name basiert auf der Münchener Kunstzeitschrift „Die Jugend”.
Viele verschiedene Bereiche des Handwerks und der Kunst hat der Jugendstil beeinflusst. Zu diesen gehört das Möbeldesign, die Architektur, die Bildhauerei, die Herstellung von Plastiken, Schmuck und Glaswaren sowie die Malerei (Gemälde, Grafi-ken, Plakate, Textil- und Buchmalerei). Einer der bekanntesten Künstler des Jugendstils ist Gustav Klimt.
Eindrücke des Jugendstils. Bild 1. zeigt die Fassade der Willow Tearooms.
Für mich persönlich ist der Jugendstil insbesondere durch seine Glasarbeiten im Gedächtnis geblieben und daher möchte ich hier die Willow Tearooms von Charles Rennie Mackintosh in Glasgow vorstellen.
Im Zeitraum von 1896 bis 1917 gestaltete Mackintosh zusammen mit seiner Frau Margaret MacDonald Mackintosh im Auftrag von Catherine Cranston vier Tea Rooms in Glasgow.
Cranston war die Tochter eines wohlhabenden Teehändlers und träumte von der Entwicklung künstlerischer Tea Rooms, die anders als herkömmliche Pubs und Gasthäuser ausschließlich nicht-alkoholische Getränke anboten. Für die Willow Tearooms erhielt Mackintosh erstmals die künstlerische Freiheit bei der architektonischen Gestaltung und konnte den Bau eigenverantwortlich planen. Er gestaltete auf Basis eines viergeschossigen Lagerhauses eine neue Fassade sowie mehrere Tearooms für Frauen und Männer. Neben dem Exterieur und dem Interieur verantwortete Mackintosh auch das Design des Bestecks, der Speisekarten und der Uniformen des Personals.
Cranston verkaufte ihr Unternehmen und die Tea Rooms 1917 nach dem Tod ihres Ehemanns und so wurden die Willow Tearooms 1928 Teil eines Warenhauses. Die Fassade blieb aber bis in die 1980er Jahre erhalten. 1983 wurden die Tearooms nach einer umfassenden Renovierung des Architekten Geoffrey Wimpenny wiedereröffnet.