Ein Plädoyer für das Fahrrad
Montagmorgen, 8:30 Uhr, Regen. Meine Motivation, den Arbeitsweg mit dem Fahrrad anzutreten, ist nicht besonders hoch. Aber ich bin ja keiner dieser Schönwetterradler, die ihr Zweirad dreimal im Jahr bei Sonnenschein und Windstille aus dem Keller kramen, um entspannt einige Meter zum nächsten Biergarten zu rollen. Also los. Statt mich mit hunderten von Berufstätigen in die überfüllte U-Bahn zu zwängen, nehme ich dann doch lieber das Rad und lasse mich von der abgasgeschwängerten Großstadtluft allmählich in den Wachzustand wehen. Doch der Stadtverkehr ist meist nicht ohne mehr oder minder abenteuerliche Zwischenfälle zu durchqueren.
Frust, den andere Radfahrer gerne laut brüllend an Autofahrern auslassen, die mit einem Reifen den Radweg touchieren. Frust, den Autofahrer dauerhupend an Radfahrern auf Straßen ohne Radweg auslassen – für mich ein täglich grüßendes Murmeltier.
Berichterstattungen über skurrile Gesprächsfetzen anderer Radler, beispielsweise über Durchfallerkrankungen der Ehepartner, sorgen dagegen im Büro für einige Lacher. Hat also alles auch sein Gutes!
Auf meinen alltäglichen Fahrten ist es manchmal fast etwas eng auf den Düsseldorfer Radwegen – sofern welche vorhanden sind. Und das liegt nicht nur an den Falschparkern.
Die Straßen deutscher Großstädte werden in den letzten Jahren von immer mehr Radfahrern erobert. Vom ehemaligen Image als Wochenendtourist und Familienausflügler ist nicht mehr viel übrig. Das Fahrrad ist inzwischen für viele eine umweltbewusste und kostensparende Alternative zum Auto. Gerade in den Städten ist das Rad willkommenes Mittel, um dem Stau im Berufsverkehr, der Suche nach einem Parkplatz oder vollen Bahnen zu entgehen. Dazu gibt es noch ein wenig Bewegung. Ein Gesamtpaket, das sich durchaus lohnt!
Gleichzeitig ist dieses Phänomen aber auch ein Produkt des Zeitgeists. Das Fahrrad ist heute für einige Modebewusste urbanes Accessoire und Statussymbol, mit dem man sich im Stadtverkehr als hipper Großstädter präsentieren will. Mit Blick auf die noch immer steigenden CO2-Emissionen und die damit verbundene Herausforderung die Klimaschutzziele einzuhalten, sollte man diese stets jedem Trend hinterher hechelnden allerdings außer Acht lassen. Ein Ausbau der Infrastruktur für Radwege kann schließlich dafür sorgen, dass der Fahrrad-Boom von Dauer ist und in Zukunft noch mehr Menschen auf den Sattel steigen.
Einige Zweirad-Enthusiasten waren schon vor Jahren von dieser Idee überzeugt. Um auf die Bedürfnisse der Stadtradler aufmerksam zu machen, haben sie bereits Anfang der 1990er Jahre in San Francisco eine Bewegung gegründet, die inzwischen in Städten auf der ganzen Welt Anhänger gefunden hat: Critical Mass. Scheinbar zufällig treffen sich dabei mehr oder weniger regelmäßig mehrere Radfahrer, um gemeinsam durch die Stadt zu fahren. An vielen Orten in Deutschland geschieht dies mittlerweile einmal im Monat. In Hamburg hat diese Form des friedlichen Protestes in der Regel die meisten Mitfahrer. Dort kommen bis zu 4000 Radfahrer zusammen, die dann durch die Straßen rollen. Aber auch in anderen Städten treffen sich Monat für Monat Hunderte von Menschen, radeln als geschlossene Gruppe los und demonstrieren so fast nebenbei für mehr Radwege, Rücksicht auf den Straßen, für weniger Lärm und Abgase.
Ein Anliegen, das auch der Autor dieser Zeilen für unterstützenswert hält. Auch wenn zu Anfang herauszulesen ist, dass mir schlechtes Wetter hin und wieder den Spaß am Radfahren trübt, kann ich dennoch nur betonen, wie gut es ist, nach einem Arbeitstag auf das Rad zu steigen und sich den Fahrtwind um die Nase wehen zu lassen. Meine persönliche Empfehlung lautet jedenfalls: Fahrt Fahrrad!