Deutsche Dialekte und Mundarten
Wenn man als Tourist nach Deutschland kommt oder als Deutscher in ein anderes Bundesland reist, dann kann es sehr gut passieren, dass man seine Mitmenschen nur noch schwer oder gar nicht versteht. In der Schule oder in Sprachkursen lernt man in der Regel Hochdeutsch, aber in vielen Landesabschnitten gibt es darüber hinaus noch andere Mundarten und Dialekte.
Die deutschen Dialekte sind eigenständige Formen der deutschen Sprache, die sich aus dem Alt- und Mittelhochdeutschen gebildet haben. Sie werden in hochdeutsche und niederdeutsche Mundarten unterteilt. Die hochdeutschen Mundarten werden weiter in mittel- und oberdeutsche Dialekte unterteilt. Dialekte und Mundarten sind nicht an politische Grenzen gebunden. Ihre Namen setzen sich wie folgt zusammen: Ort oder Region plus Dialekt oder Mundart („der Wiener Dialekt“, „die Wiener Mundart“), Ort oder Region plus Platt („Aachener Platt“, „Märkisches Platt“, nicht zu verwechseln mit Plattdeutsch), Zusammensetzung mit -deutsch, wobei das Bestimmungswort mit oder ohne Ableitungssilbe -er auftritt („Berndeutsch“, „Schaffhauserdeutsch“) sowie Substantivierung auf -isch („Hamburgisch“, „Schwäbisch“).
Die deutschen Dialekte unterliegen einer Dach- bzw. Standardsprache. Für die meisten deutschen Dialekte ist dies das Hochdeutsch. Es gibt aber auch deutsche Dialekte, die der luxemburgischen, französischen, italienischen oder niederländischen Dachsprache unterliegen. Das Hochdeutsch setzte sich als Dachsprache ab dem 16. Jahrhundert in weiten Teilen der deutschen Fürstentümer, Königreiche und freien Städte durch. Im späteren Nordrhein-Westfalen und dem Osten der Niederlande hingegen konkurrierten der Mittelniederdeutsche und der mittelniederländische Dialekt noch lange Zeit miteinander. Am Niederrhein war das Niederländische bis ins 19. Jahrhundert als offizielle Sprache vertreten. Mit der Einverleibung des Gebietes durch das Königreich Preußen wurde dann erst eine Zweisprachigkeit eingeführt und später um 1900 das Niederländische zunehmend durch die Amtssprache Hochdeutsch verdrängt. Ende der 1930-er Jahre wurde das Niederländische in dieser Region dann offiziell von den Nationalsozialisten verboten.
Die Ursprünge der deutschen Sprache und Dialekte liegen im Frühmittelalter (500-1050 n. Chr.) bei den germanischen Völkern und Stämmen. Hier zu nennen sind u.a. die Alemannen, Franken, Friesen und Sachsen. Es ist nicht restlos geklärt, ob diese Stämme eigene Sprachen besaßen, jedoch wurden bereits regionale Unterschiede beschrieben. Vieles deutet darauf hin, dass heutige Dialekte in ihrer Ursprungsform bereits im Hochmittelalter ausgebildet waren. Der Historische Südwestdeutsche Sprachatlas, welcher sprachliche Merkmale und Eigenheiten im 13. bis 15. Jahrhundert kartographisch darstellt, ist erstaunlich deckungsgleich mit den Ausbreitungsgebieten heutiger Dialekte. In Folge von Erhebungen des Germanisten Georg Wenker mit Schülern in der Rheinprovinz und späteren Erhebungen in Nord- und Mitteldeutschland, Schwaben, Franken und der Schweiz wurde bis 1939 der gesamte deutsche Sprachraum bestimmt und kartographiert.
In den letzten Jahren und Jahrzehnten lässt sich ein Rückgang in der Anwendung und Verbreitung der deutschen Dialekte beobachten. Die hochdeutschen Medien und eine erhöhte Mobilität von Menschen innerhalb Deutschlands bedingen das Verschwinden deutscher Dialekte aus dem Alltag. Die Weltbildungsorganisation UNESCO veröffentlichte bereits 2009 ihren dritten „Weltatlas bedrohter Sprachen“, in dem sie auch Kölsch und Bairisch als vom Aussterben bedroht listete. Die Fähigkeit, Dialekt zu sprechen, hängt vom Alter, Region und Größe des Heimatorts ab. Generell wird Dialekt eher von älteren Menschen gesprochen und in Gemeinden von weniger als 50.000 Einwohnern. Die nachkommenden Generationen, insbesondere in den großen Städten, sprechen kaum noch Dialekt im eigenen Elternhaus und auch in der Schule werden diese Sprachen immer seltener gelehrt. Es ist also durchaus denkbar, dass in wenigen Jahrzehnten kaum noch Dialekte in der deutschen Sprachlandschaft zu finden sind. Somit könnte ein Tourist in der Zukunft in Deutschland sprachlich überall zurechtkommen.