Interview mit Herrn Plagge – 23.08.2017

Herr Plagge, Sie haben als Geschäftsführer einer Pflegefachschule viele Jahre Erfahrung mit der Ausbildung von Schülern in diesem Bereich. 

Bevor wir auf das Projekt mit den chinesischen Schülern kommen, würden wir gern ganz allgemein etwas zur Arbeitsmarktsituation in der Altenpflege in Deutschland erfahren.

Die Situation auf dem Pflegemarkt in Deutschland ist schon seit vielen Jahren sehr angespannt und dadurch gekennzeichnet, dass die Geburtenrate immer weiter sinkt, die Lebenserwartung aber steigt, was sich dann natürlich auch auf den Bereich der Pflege auswirkt.  Es gibt mittlerweile in keinem Bundesland in Deutschland genügend Fachpersonal. Es wird überall benötigt und es gibt Prognosen über das Jahr 2020 hinaus, die feststellen, dass uns im Jahre 2020 / 2025 mindestens 300.000-400.000 examinierte Pflegekräfte in Deutschland fehlen.

Und die Situation ist bei den Schülern wahrscheinlich ähnlich?

Ja, es korreliert mit der Tatsache, dass auch nicht genügend Jugendliche in Deutschland bereit sind, in den Pflegeberuf einzusteigen. Deswegen sind wir quasi gezwungen, aus dem Ausland Auszubildende und auch Fachkräfte zu holen.

Und wie entstand die Idee zu diesem Projekt mit China und mit wem arbeiten Sie da im Einzelnen zusammen?

Wir hatten vorher schon Erfahrungen mit Osteuropa und Westeuropa, z.B. Bosnien, Spanien, Portugal. Aber leider waren die Erfahrungen nicht zufriedenstellend, sodass wir aus mehreren Gründen auf China gekommen sind. Also einmal gibt es in China gut vorausgebildete Jugendliche, die z.B. Hygieneschulen besucht haben. Es gibt viele junge Menschen dort, die bereit sind, mehrere Jahre in Deutschland zu verbringen. Was mich persönlich aber sehr gereizt hat, ist, dass bei den Menschen, die ich in China und dann auch hier kennengelernt habe, überall diese konfuzianische Ethik herauszuspüren ist und das interessiert mich, weil diese Jugendlichen mit einer sehr großen Empathie die Ausbildung absolvieren.

In China arbeiten wir mit mehreren Hochschulen zusammen und vor allen Dingen mit der Firma ASC Ausbildung & Service GmbH, die in Deutschland in Düsseldorf sitzt und deswegen sind die Wege nach China für uns so wesentlich kürzer, außerdem wir haben dort immer kompetente Ansprechpartner/innen, was das Ganze auch wesentlich erleichtert. 

Und wie haben Sie sich bzw. die Schulen und Einrichtungen auf dieses Projekt 

vorbereitet?

Nun ja, wir gehen davon aus, dass wir wirklich in zwei verschiedenen Welten leben. In China ist alles anders als in Deutschland und umgekehrt – erst recht was die Größenverhältnisse anbelangt. Es ist ganz einfach so, wir haben unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Sprachen. 

Wir haben alle Beteiligten an diesem Projekt gebrieft, wie es so schön heißt. Also wir haben für unsere Einrichtungsleitungen, unsere Lehrkräfte, und auch für die Mitarbeiter in der Administration interkulturelle Trainings angeboten, um Fehler zu vermeiden. Wir haben alle Beteiligten über Land und Leute informiert. Und das war wirklich erfolgreich, weil jeder nach diesen Trainings wusste, auf was er sich einrichten muss.

Und wie sind jetzt Ihre Erfahrungen nach mehr als zwei Jahren mit diesem Projekt? 

Also die Erfahrungen sind sehr vielfältig. Einmal sind Probleme, die wir vorausgeahnt haben, nicht eingetreten. Dafür sind aber andere Probleme entstanden, auf die wir gar nicht vorbereitet waren.

Eine besonders große Hürde war die Anerkennung der chinesischen Jugendlichen bei den hiesigen Behörden, besonders bei der Landesschulbehörde, vor allen Dingen was die Zeugnisse und die Ausbildung an den Hygieneschulen anbelangt. Da es ein solches Projekt in Niedersachsen noch nie gegeben hat, war es besonders mühselig. Wir waren da also die Vorreiter und die Behörden mussten sich da auch neu drauf einrichten –  allein dieser Prozess hat ein Jahr gedauert – aber letztendlich konnten wir die Behörden überzeugen und haben die Genehmigung bekommen, dass diese Jugendlichen hier ausgebildet werden dürfen.

Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Voraussetzung für das Gelingen dieses Projekts?

Wichtigste Voraussetzung ist die Erledigung der formalen Dinge, die Anerkennung der Zeugnisse nach hiesigem Schulrecht. Das muss möglichst schon in China angeschoben werden, weil wir dann hier auch deutsche Übersetzungen brauchen. 

Es muss mindestens ein B1-Sprachlevel vorliegen, das muss schon in China absolviert werden. Wir werden die Schüler dann hier auf das B2-Niveau bringen, weil das Voraussetzung für die Ausbildung ist, damit die Schüler dem Unterricht folgen und erfolgreich dann dran teilnehmen können. Weiter ist sehr wichtig, dass alle Beteiligten gut informiert sind. Wichtig ist, dass auch die Einrichtung, wo der praktische Teil der Ausbildung absolviert wird, mit ins Boot geholt wird. Dass dort auch Trainings stattfinden und den Jugendlichen sog. „Paten“ beiseite stellen, die immer für Probleme und „Problemchen“ da sind.

Das hört sich sehr umfassend an. Wie läuft denn die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Einrichtungen hierbei? 

Das Altenpflegegesetz regelt ja, dass die Ausbildung in einem theoretischen Teil von 2.400 Stunden absolviert wird und in der Praxis von 2.500 Stunden. Wir arbeiten nach dem Blocksystem: Theorie – Praxisphase – Theoriephase – Praxisphase usw. und wir stehen in engem Kontakt zu unseren Kooperationspartnern, also zu den Trägern der praktischen Ausbildung. 

Auf Leitungsebene findet immer ein regelmäßiger Austausch statt, besonders bei den chinesischen Schülern versuchen wir im Bedarfsfall mögliche Probleme schon gleich zu Anfang zu beseitigen. Wir stehen neben den festen Terminen auch immer in telefonischem Kontakt. 

Welche Unterschiede zwischen chinesischen und deutschen Schülern fallen denn besonders ins Auge?

Ja, ich sage das sehr ungern, weil ich niemanden vor den Kopf stoßen will, aber unsere chinesischen Schüler zeichnen sich doch durch einen gewissen Fleiß aus, den ich bei manchen deutschen Schülern vermisse. Sie sind sehr lernwillig, lernbereit und sie arbeiten sehr viel, erst recht an der deutschen Sprache und insofern ist die Teilnahme dieser Schüler und Schülerinnen bislang auch sehr erfolgreich. Ein großer Unterschied ist auch ihre Freundlichkeit. Ich habe sie noch nie mit einer bösen Miene gesehen. Das trägt auch zum guten Kursklima bei.

Wie schätzen Sie den Fortgang des Projektes ein und was wünschen Sie sich da vielleicht von der chinesischen Seite, das noch verbessert werden könnte?

Was wir hier gemacht haben, war und ist ein Pilotprojekt und deswegen haben wir mit einer geringen Personenzahl angefangen. Wir wissen jetzt wie die formalen Wege zu beschreiten sind, der Unterricht und die Ausbildung in den Einrichtungen organisiert werden müssen und wir wünschen uns mit einer größeren Personenzahl dieses Projekt fortzusetzen, dies auch mit weiteren über Niedersachsen hinaus. Von der chinesischen Seite wünschen wir uns, dass  diese konstruktive Zusammenarbeit so fortgesetzt wird und dass wir weiter im Dialog stehen. Wir denken aber auch, dass wir gemeinsam in China hinsichtlich des Erlernens der deutschen Sprache noch etwas nachbessern müssen, weil das der wichtigste Schlüssel zum Erfolg ist. Da hapert es an der einen oder anderen Stelle noch - aber auch das kriegen wir noch hin.

Sie waren ja schon in China. Welchen Eindruck haben Sie denn allgemein vom Land? 

Ich glaube da reicht die Zeit hier nicht aus, um das zu schildern. Ich war 2014 zum ersten Mal dort und im vergangenen Jahr noch einmal, jeweils 14 Tage. Ich habe ca. 11 Städte gesehen. Also mein Eindruck ist: Es ist ein faszinierendes Land, besonders die Kultur und die Landschaft, in den Großstädten spürt man eine Art Aufbruchstimmung. 

Die Zusammenarbeit mit diesem Land, was 8.000-9.000 km entfernt ist, mit einer völlig anderen Kultur, ist sehr interessant. Leider habe ich bei diesen Besuchen wenig Zeit gehabt, so habe ich z.B. beim ersten Besuch am Vorabend meiner Abreise festgestellt, dass ich so einige Highlights gar nicht gesehen hatte, wie z.B. die große Mauer. Daraufhin habe ich dann abends meinen Flug noch um 2 Tage verschoben und bin noch dort geblieben um mir wenigstens einige sehr wichtige Dinge angeschaut. Ich war absolut beeindruckt. 

Daher möchte ich im nächsten Jahr China privat bereisen, ohne Geschäftstermine. Also China ist wirklich ein ganz, ganz tolles Land.

Während Ihrer Chinareise im letzten Jahr hatten Sie ja Gelegenheit, verschiedene Einrichtungen und Schulen in China zu besuchen. Welchen Eindruck hatten Sie von den Schülern der Pflegefachschule in Zhengzhou? 

Einmal war ich überrascht, was für eine Schule das ist. Angebunden auf einem Campus einer Universität mit allen Annehmlichkeiten, mit der kompletten Infrastruktur. Das kenne ich aus Deutschland nicht. Ich habe auch nicht erwartet, eine so moderne und gut ausgestattete Schule anzutreffen. Das ist ja wirklich ein Sahnestück! Und ich habe dort viele Schüler und Schülerinnen kennengelernt, die sich mit dem Gedanken tragen, nach Deutschland zu kommen. Die waren einfach fasziniert, ihr Interesse an Deutschland, was sie über Deutschland wissen und dass sie gerne hier eine Ausbildung möchten. Ich bin auf sehr viele, sehr motivierte Schüler gestoßen. Das hat mich wirklich sehr beeindruckt.

Welche Herausforderungen sehen Sie, wenn zukünftig eine größere Gruppe Schüler aus China zur Ausbildung kommt?

Es ist ja immer so: Je mehr Personen desto mehr Probleme, aber wir kennen nun die Wurzel der Probleme und wir haben vor, mit größeren Gruppen zu arbeiten,  an verschiedenen Standorten. Was wir nicht machen werden, sind reine Klassen mit nur chinesischen Schülern. Also wir wollen immer eine Vielfalt in den Kursen haben. Wir haben Kurse, wo zum Teil 7,8,9 verschiedene Nationalitäten drin sind und das belebt das Ganze. Und das möchten wir auch beibehalten, aber wir werden die Anzahl der Auszubildenden, die wir rüber holen, deutlich verstärken.

Dann noch zum Abschluss eine Frage: Können Sie die Zukunftspläne für das Projekt schon kronkretisieren?

Wir wollen weiter die dreijährige Ausbildung zur examinierten Pflegefachkraft durchführen in Zusammenarbeit hauptsächlich mit der Firma ASC. Wir werden auch in dem Bereich der in China ausgebildeten Krankenschwestern gehen und diese universitär ausgebildeten Krankenschwestern nach Deutschland holen, die durch Anerkennungslehrgänge und Kenntnisprüfung ihre Zulassung hier erhalten können. Das sind Fachkräfte, die auch in den Krankenhäusern hier  sehr begehrt sind, aber auch in unseren Altenpflegeeinrichtungen, wo wir sie dann einsetzen werden, und zwar bundesweit. Das ist ein großes Rad, an dem wir drehen wollen aber man muss da wirklich Schritt für Schritt vorgehen. 

Herr Plagge, wir danken Ihnen für das sehr informative Gespräch.

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Das Chinesisch-Deutsche Projekt zur Ausbildung chinesischer Schüler/innen in deutschen Pflegeeinrichtungen

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