Perspektivenwechsel:Meine Fortbildung inDeutschland
Vor etwas mehr als einem halben Monat bin ich von meiner Fortbildung aus Deutschland zurückgekehrt. Noch immer bin ich begeistert von all den Erfahrungen, die ich dort gesammelt habe.
Dies war bereits mein zweiter Aufenthalt in Deutschland, denn ich hatte schon im letzten Jahr die Gelegenheit das Land zu besuchen. Damals war ich besonders fasziniert von der wunderschönen Landschaft, der barrierefreien Infrastruktur und den Menschen.
Die Eindrücke von meinem diesjährigen Aufenthalt regten mich zum Nachdenken an: Ich würde Deutschland und seine Kultur gerne besser verstehen.
Während ich an meinem Schreibtisch in der Akademie der IHK Nürnberg saß und die Präsentation über die lange Geschichte und die Funktion der IHK konzentriert verfolgte, verstand ich schließlich, wie diese Institution sich über die Jahre entwickelt hat.
Mir war nicht klar, wie viele Aufgaben und Verantwortungsbereiche bei der IHK liegen. In der Präsentation wurde mir das Konzept des „Nachtwächterstaates" vermittelt. Die IHK beschäftigt sich mit vielen Aufgaben, von denen ich bisher angenommen hatte, dass sie in der Verantwortung der deutschen Regierung lägen. Aber natürlich beruht diese Struktur auf der deutschen Gesetzgebung und Verträgen.
Die IHK ist als Berater ihrer Mitgliedsunternehmen tätig. Gleichzeitig kontrollieren sie, ob in Deutschland geltende Standards,z. B. in der Ausbildung, von den Betrieben eingehalten werden und stehen ihnen dabei auch mit Rat und Tat zur Seite.Als wir detaillierter über das deutsche duale Ausbildungssystem sprachen, wurde noch einmal auf die wichtige Rolle eingegan-gen, die die IHK hier einnimmt.
Um zu wachsen, müssen Unternehmen Fachkräfte einstellen.Die IHK kann hier Vermittler sein, zwischen angehenden Auszubildenden - Schüler und Studenten - und den Betrieben. Die Unternehmen können so die jungen Menschen auswählen, die sie dann selbst zu Fachkräften ausbilden.
In Deutschland gibt es insgesamt 340 Berufe, deren Ausbildungen von der IHK koordiniert werden. Das heißt es müssen 340 verschiedene berufliche Kompetenzprofile vermittelt werden in den Unternehmen und Berufsschulen. Die wirkliche Zahl an Berufsprofilen, liegt wohl um noch ein Vielfaches höher, da vielen Ausbildungsbetriebe sehr spezielle Kompetenzen und Fähigkeiten benötigen.
Seit ich zurück in Zhengzhou bin, denke ich darüber nach, wie ich als Mechatronik-Lehrer meinen Studierenden die notwendigen Kompetenzen besser vermitteln kann. Darauf werde ich in Zukunft meinen Fokus legen.
In der Vergangenheit habe ich oft bereut, dass ich nach meinem Abschluss für zwei Jahre in einem Betrieb gearbeitet habe. Lieber wäre ich direkt zur Universität gegangen, um Lehrer zu werden. Ich dachte die Erfahrung praktisch zu arbeiten, würde mir für die Lehre nichts bringen. Als ich nun Herr Ederer, Lehrer an der Ausbildungsstätte der Deutschen Bahn, zuhörte, setzte bei mir ein Umdenken ein. Sein Bericht ermutigte mich, herauszufinden wie ich ein wirklich guter Lehrer werde.
Während der beiden Tage in der Ausbildungsstätte, waren die Methoden und die Philosophie, über die Herr Ederer dozierte, tur mich das Erstaunlichste. Er platzierte drei Topfpflanzen auf einem Tisch. Die einzelnen Pflanzen repräsentieren jeweils das Gehirn, die Hand und das Herz eines Studierenden. Dann goss er den gesamten Inhalt einer Gießkanne in die „Gehirn-Pflan-zeẠạ sodass das Wasser überlief und Tisch und Boden zu fluten begann. „Der Mensch ist mehr als nur der Kopf", war sein Kommentar dazu.
Der überlaufende Topf ist eine so klare und starke Metapher, die mich anregte über die Art und Weise des Lehrens nachzu-denken. Viele Lehrkräfte halten lange Monologe und erwarten von den Studierenden sich alles zu merken. Dabei entgeht ih-nen, dass es für viele einfach eine zu große Menge an Lehrstoff ist, um sich diesen wirklich einzuprägen.
Das Beispiel von Herrn Ederer war eine klare Demonstration dafür, mit der Lehre auch Herz und Hände der Studierenden zu adressieren.
In der Ausbildungsstätte der Deutschen Bahn hatte ich außerdem Gelegenheit am Unterricht der Berufsschüler teilzuneh-men. Die Schüler waren mit praktischen Aufgaben beschäftigt, die Lehrkräfte standen ihnen dabei beratend zur Seite. Das Lehrkonzept, die Praxis der Theorie vorzuziehen, ist es wert weiterverfolgt zu werden!
Ich unterrichte nun seit fünf Jahren, habe aber nie tiefergehend über mein Lehrkonzept nachgedacht. Bedenkt man die persönlichen Voraussetzungen unserer Studierenden und die aktuellen Lehrmethoden, müssen wir als Lehrer bei der Umsetzung der Idee „Praxis vor Theorie" aus unsere Komfortzone treten und die traditionelle Lehre hinter uns lassen. Wir sollten außerdem nutzen was wir haben, um den praktischen Unterricht zu starten. Wenn wir nun erst abwarten bis die gewünschte Ausstattung vorhanden ist, besteht die Gefahr, dass sich nie etwas andern wird.
Unterrichten mag oft einfach aussehen, es gibt aber eine fast endlose Zahl an unterschiedlichen Lehrmethoden und -kon-zepten, an denen wir Lehrer uns versuchen können. So wie Herr Ederer uns mit seinem Pflanzen-Beispiel eine lebhafte Demonstration einer Lehrmethode vorstellte, sollten auch wir unsere eigenen Lehrwerkzeuge entwickeln, um unsere Lehre zu verbessern. Der Schlüssel ist jedenfalls, es zu versuchen!
Bei unserem Besuch der B1 Berufsschule in Nürnberg, schauten wir uns in erster Linie die Mechatronik Fakultät an. Wir konnten an diesem einen Tag zwar nicht das gesamte Konzept dieser Schule verstehen, im Vergleich zu den Berufsschulen in China hat hier aber jeder Klassenraum eine klar definierte Funktion. Die Ausstattung ist gut ausgewählt und für die praktische Lehre ausgelegt. Auch wenn die Bandbreite der Geräte nicht riesig ist und das Equipment nicht immer auf dem aller neuesten Stand ist, haben mich einige Details dieser Ausstattung wirklich inspiriert.
Während des Besuchs habe ich auch etwas darüber gelernt, wie Lehrkräfte der beruflichen Bildung ausgebildet werden.
Wenn du in einer Berufsschule unterrichten möchtest, ist es egal, ob du selbst eine Berufsausbildung gemacht oder an einer Fachhochschule studiert hast. Es müssen auf jeden Fall ein Studium an einer Universität absolviert werden und einige Probeunterrichtsstunden abgehalten worden sein. So wird eine wirklich qualifizierte Lehrkraft ausgebildet.
In China gibt es zwar einige Richtlinien der Regierung, die befolgt werden müssen, aber kein adäquates Ausbildungssystem für Berufsschullehrer. Dies lässt uns allerdings auch einigen Spielraum, um Dinge auszuprobieren.
Im deutschen Berufsbildungssystem spielen Ausbildungszent-ren eine wichtige Rolle. Wenn Betriebe nicht die Möglichkeit bestimmte Kompetenzen zu vermitteln, können sie ihre Auszubildende zu einem solchen Zentrum schicken. Das Ausbil-dungszentrum ZAW Europaschule hat ihren Schwerpunkt auf die Bereiche Mechatronik und Elektrotechnik gelegt. Hier werden nicht nur Berufsschüler ausgebildet, sondern auch Arbeitslose weitergebildet oder umgeschult, um wieder in den Arbeitmarkt integriert zu werden.
Hier haben wir einen gehandicapten Lehrer getroffen. Mich hat beeindruckt, dass es in Deutschland überhaupt kein Problem ist, mit einem Handicap normal am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Er hat selbst einige besondere Werkstücke her-gestellt, die von den Schülern nachgebaut wurden.
Während unserer Ausbildung zum Lehrer, ist die Entwicklung von Lehrmethoden eine der wichtigsten persönlichen Fähig-keiten. Hier müssen einige Variablen bedacht werden: Der Wissenstand der Studierenden, die zur Verfügung stehenden Maschinen und der Schwierigkeitsgrad der jeweiligen Demons-tration. Wenn ein Berufsschullehrer hier seine eigenen Methoden entwickeln kann, wird er keine Probleme damit haben, eine Klasse in der Praxis zu unterrichten. Diese Art des Denkens hat meine Meinung über Lehrkonzepte definitiv verändert. Bis dahin habe ich nur über Konzepte und Werkzeuge nachgedacht, [ die ich am besten vermitteln kann - auch an Lehrer. Nun bin ich 1 der Meinung, dass es das Beste ware, wenn Lehrkratte dieseselbst entwickeln.
Die erste Woche der Fortbildung in Nürnberg hat mir einen ersten Eindruck davon vermittelt, wie das berufliche Bildungssystem in Deutschland organisiert ist. Gleichzeitig war ich aber auch sehr an der deutschen Kultur interessiert. In Nürnberg wurde es immer gegen 22 Uhr dunkel, so hatte ich nach der Schulung, die meist um 15:30 Uhr beendet war, noch Freizeit.
Während ich durch die Stadt lief, sah ich viele Menschen auf Parkbänken sitzen, die einfach die Zeit zu vertrödeln schienen.
Ich fragte mich, worüber sie nachdachten. Ob sie sich mit philosophischen Fragen des Lebens beschäftigten? Jedenfalls schienen sie die friedliche Stimmung zu genießen. Ich habe auch die gut besuchten Biergärten, die direkt am Fluss liegen, bestaunt. Leute standen und saßen in Gruppen zusammen, hielten ein Glas Bier in den Händen und unterhielten sich stun-denlang. An der Universität gab es von den Studierenden organisierte Grillabende, bei denen Bands spielten. All diese Bilder haben meinen Eindruck von Deutschland geprägt.
Der Lebendigkeit von Nürnberg, setzt Dresden eine eher künstlerische Atmosphäre entgegen. Das kalte Wetter konnte mich nicht davon abhalten die Stadt zu Fuß zu erkunden.
Während unseres Aufenthalts in Dresden besuchten wir die
KAS Ausbildungsstätte. Hier habe ich einige Dinge zum ersten Mal in meinen Leben ausprobiert, was mich wirklich inspiriert hat.
An der KAS haben wir eine Sicherheitsunterweisung absol-viert. Diese gehört, wie in China, zum Standard, wenn man im Unterricht praktisch arbeiten möchte. Ein systematisches Si-cherheitstraining hilft den Schülern außerdem dabei, Standards einzuhalten, die wichtig sind, um Professionalität zu erreichen.
In dem Kurs selbst sollten wir innerhalb von zwei Tagen zwei Metallteile per Hand anfertigen. Die Arbeit selbst war nicht schwierig, so dass ich darüber nachdenken konnte, wie man in China solche praktischen Kurse entwerfen könnte, um den Studierenden die Inhalte besser zu vermitteln. Mit den eigenen Händen ein Werkstück zu fertigen, hat mich in die Perspektive der Studierenden versetzt.
Eine Herausforderung war für mich immer das Lehren von potentiell gefährlichen Unterrichtsinhalten. Es ist nicht einfach, den Studierenden Ängste vor bestimmten Arbeiten zu nehmen.
Ich hatte die Möglichkeit das MAG-Schweißen auszuprobieren und war vorher etwas besorgt, ob ich damit umgehen könne.
Als ich mit der Arbeit begann, war meine Sorge jedoch sofort verflogen. Ich war so interessiert und konzentriert bei der Ar-beit, dass ich gar keine Gelegenheit hatte, an etwas anderes zu denken. Das hat mich daran erinnert, wie wichtig es manchmal ist, einfach zu handeln. Meist entwickeln sich die Dinge dann genau wie erwünscht. Ich glaube dieses Konzept lässt sich auf die Lehre anwenden.
Während unserer Fortbildung an der KAS konnten wir auch das Atelier von Herrn Eisenfinden, Lehrer an der Ausbildungsstätte, besuchen. In seinem Atelier konnten wir einige künstlerische Schweißarbeiten bestaunen. Obwohl all seine Werke aus Altmetall hergestellt wurden, drücken sie Leben und Wertigkeit aus.
Am letzten Tag unserer Fortbildung hatten wir das Privileg an der Abschlussfeier für die Schülerinnen und Schüler teilnehmen zu dürfen. Es war zwar ein eher einfaches Event, da aber die Familien und Arbeitgeber dabei waren, war die Veranstaltung ein wirklicher Ausdruck der Wertschätzung für das von den jungen Menschen Geleistete.
Auch wenn unsere Fortbildung leider nur zwei Wochen andau-erte, habe ich nicht nur ein tieferes Verständnis für das berufliche Bildungssystem in Deutschland erlangt, sondern ebenfalls für die deutsche Kultur und die Geschichte des Landes. Diese haben das duale Ausbildungssystem mitgeprägt.
All das was Deutschland mit seinem Ausbildungssystem erreicht hat, führt mich zu der Schlussfolgerung, dass China weiter an seinem beruflichen Bildungssystem arbeiten sollte. Solange wir nicht zögern, Dinge auszuprobieren, wird eine große Zukunft vor uns liegen!