Künstlerische Therapieformen

In unserem vorausgegangenen Altenpflege Special und dem DUAL „Bildung im Wandel der Zeit“ berichteten wir bereits über die Musik- und Kunsttherapie sowie tiergestützte Therapien. Die Musik- und Kunsttherapie gehören zu den „künstlerischen Therapien“. Hierzu gehören zudem die Mal- und Gestaltungstherapien, welche Unterformen der Kunsttherapie sind, die Drama- und Theatertherapie, die eng miteinander verwandt sind, die Tanztherapie, die Poesie- oder Bibliotherapie und die Heileurythmie. Dieser Artikel soll nun eine detaillierte Vorstellung der Tanz- und der Theatertherapie geben.

Was ist Tanztherapie? 

Psychische Erkrankungen wirken sich oft elementar aus auf die Fähigkeiten wahrzunehmen und zu empfinden sowie auf die Möglichkeiten sich auszudrücken und befriedigenden Kontakt mit anderen einzugehen. In einer Bewegungsanalyse erfasst die Tanztherapie die vorhandenen Kapazitäten. (LVR-Klinikum Düsseldorf, 2018)

 

Die Bewegung des Körpers und das aktive Erleben des Tanzens sowie die verschiedenen Handlungs- und Ausdrucksweisen sind die Schwerpunkte der Tanztherapie. Das Tanzen dient hier als Ausdrucksform zur Verständigung und zur Bewältigung von Lebensereignissen. Die Integrative Tanztherapie wiederum basiert auf tiefenpsychologischen, verhaltens- und gestalttherapeutischen Grundlagen. Sie begegnet psychischen Erkrankungen und kann Veränderungsprozesse, Linderung und Heilung bewirken. Bei der Tanztherapie geht es nicht um Schönheit oder Richtigkeit wie zum Beispiel beim Standardtanz, sondern um den Ausdruck und die Bereitschaft die eigene Erkrankung künstlerisch zu therapieren. Daher sind auch keine tänzerischen Vorkenntnisse von Nöten.

 

In Absprache mit dem Tanztherapeuten kann die Therapiesitzung genutzt werden, um die Körper-, Selbst- und Umweltwahrnehmung zu verbessern. Emotionen können ausgedrückt und die Kontaktfähigkeit aufgebaut werden. Im Austausch mit dem Therapeuten wird versucht die Erlebnisse und Ergebnisse der Therapie einzuordnen und in Bezug zum Alltag zu setzen.

 

Die Tanztherapie verbindet verschiedene Elemente aus Gymnastik, Rhythmik, Tanz, Atemübungen, Spiel, Entspannung und Phantasiearbeit miteinander. Auch Musik kommt zum Einsatz.

 

Die Länge der Behandlung ist nicht zentral geregelt, sondern in Abhängigkeit von der jeweiligen Erkrankung zu bestimmen. Sie kann in Gruppen- oder Einzelsitzungen ablaufen.

Die ausgebildeten Tanztherapeuten arbeiten, ähnlich wie Kunst- und Musiktherapeuten, in der Prävention, in Altersheimen, Kranken- und Jugendhäusern (u.a.) mit Kindern, Jugendlichen, Suchtkranken, behinderten und alten Menschen.

Was ist Theatertherapie?

Die spielerische und körperorientierte Herangehensweise überwindet die Grenzen des rationalen Verstehens, so dass emotionale Aufgeschlossenheit erreicht und neue Perspektiven sowie Handlungsmöglichkeiten erschlossen werden können. (DGFT, 2018) 

Theater und Therapie haben eine lange gemeinsame Geschichte, wovon Riten, das Narrenspiel und die psychodramatischen und theatertherapeutischen Ansätze des 20. Jahrhunderts zeugen. Historisch hat sich die Theatertherapie in England, den USA und den Niederlanden vor über 50 Jahren entwickelt. Sie kombiniert das Theater und den schauspielerischen Ausdruck mit Verfahren moderner Psycho- und Sozialtherapien. Der Therapieverlauf ist durch einen kreativen Prozess gekennzeichnet. Es gibt spezifisch ausdifferenzierte Therapieformen, um möglichst alle psychischen Störungen behandeln zu können. Die Theatertherapie wie sie heute verstanden wird, geht in weiten Teilen auf die Engländerinnen Dr. Sue Jennings und Dr. Alida Gersie, den Israeli Prof. Dr. Dr. Mooli Lahad und den Amerikaner Dr. Robert Landy zurück. In Deutschland kann man Theatertherapie am Institut für Theatertherapie in einer mehrjährigen berufsbegleitenden Weiterbildung oder an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen als Bachelor studieren.

In der Theatertherapie oder dem therapeutischen Theater werden Theaterfachbegriffe wie Rolle, Figur, Szene, Drehbuch, Regie und Inszenierung auf komplexe soziale und emotionale Alltags- und Berufssituationen bezogen. Indem sich die Patienten in eine Situation hineindenken und diese dann inszenieren, können diese verstanden werden und angemessene Interventionen herausgearbeitet werden. Diese Form der Inszenierung gründet sich in der Akzeptanz und Anerkennung der Geschichten der Patienten und wird durch die Verwendung von Metaphern, Bildern und Humor ergänzt.

In der Theatertherapie gibt es immer eine Bühne auch wenn diese häufig lediglich durch einen aufgebrachten Strich gekennzeichnet ist. Es gibt immer Akteure – jeder Teilnehmer betritt die Bühne und sagt einige Sätze. Das Publikum bestimmt je nach Körpersprache, Sprechweise und Erscheinung die Rollen. Jemand, der schüchtern ist, kann diese Eigenschaft besonders überzeugend auf der Bühne darstellen. Die Zuschauer werden ihm applaudieren und ihm zu seiner authentischen Darstellung gratulieren. Der Protagonist kann darauf antworten und klarstellen, dass Schüchternheit nur eine seiner Eigenschaften ist, dass er noch andere Seiten hat und diese auch ausleben möchte und sich so selbst reflektiert. Dieses Ergebnis wird hinterher nicht psychotherapeutisch analysiert. Es gibt stattdessen einfach erneut Beifall und andere Reaktionen der Zuschauer. Danach macht ein anderer Protagonist weiter. Alle Beteiligten sind abwechselnd Darsteller und Betrachter. Theater entsteht in den Köpfen der Zuschauer und sie interpretieren das gesehene sehr unterschiedlich. Die Protagonisten erleben also auf der Bühne häufig etwas anderes als ihre Zuschauer. Dieser Wechsel der Rollen ist eine gute Erfahrung für die Reflektion aller Teilnehmer.   

https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/therapeutisches-theater/15546

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