Welche Herausforderungen bestehen auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt in Deutschland?
von Christian Limbeck
Die deutsche Wirtschaft brummt, die Arbeitslosenzahlen sind auf einem historischen Tiefpunkt und dennoch hat auch der deutsche Arbeitsmarkt mit Problemen zu kämpfen. Ein immer wieder genannter Begriff ist in diesem Zusammenhang der Fachkräftemangel. Eine der Ursachen hierfür ist die Bevölkerungsentwicklung. Bis 2035 werden viele Fachkräfte in den Ruhestand wechseln, gleichzeitig wird es weniger Jugendliche geben, die die Schulen verlassen und eine duale Ausbildung aufnehmen könnten.
Während dies eher ein Problem der Zukunft darstellt, suchen bereits heute einige Ausbildungsbetriebe immer häufiger erfolglos nach entsprechend qualifizierten jungen Menschen. Seit 2013 zeigt sich ein Trend, der für viele Betriebe ein Problem bedeutet: Weniger junge Menschen beginnen eine duale Berufsausbildung als ein Studium.
Eine Entwicklung, die sich auch mit der oft herrschenden Meinung erklärt, das Abitur sei mittlerweile eine Art Mindestabschluss. Zu Grunde liegt die Idee, dass nur das Abitur optimal auf eine erfolgreiche Berufstätigkeit vorbereitet. Dies führt schlussendlich zu der höheren Neigung, ein Studium statt einer betrieblichen Ausbildung zu beginnen.
Um diesem Prozess entgegenzuwirken, wird nun in Erwägung gezogen, eine ausgewogenere Berufsorientierung und -beratung an allen Schulformen aufzubauen - auch an Gymnasien. Dabei sind gezielte Informationen über Vorteile und Karrierechancen des dualen Systems entscheidend. Zusätzlich sollte über Maßnahmen zur attraktiveren Gestaltung des dualen Systems nachgedacht werden, wie beispielsweise eine Erhöhung der Ausbildungsvergütungen. Die duale Ausbildung und das Studium sind die zentralen Bildungswege in Deutschland. Ein ausgewogenes Verhältnis dieser Systeme ist also von entscheidender Wichtigkeit, gerade im Hinblick auf den sich verschärfenden Fachkräftemangel.
Problemfelder
Auf dem Ausbildungsmarkt sind sowohl Jugendliche als auch Betriebe mit weiteren Problemen konfrontiert. In einigen Regionen besteht ein Missverhältnis von Angebot und Nachfrage. Nicht alle Jugendlichen, die eine bestimmte Ausbildung suchen, finden diese in ihrer Region. Gleichzeitig gibt es Regionen, in denen es Ausbildungsbetrieben nicht gelingt, ihre Stellen mit Auszubildenden zu besetzen.
Unternehmen müssen aber nicht nur mit diesen regional bedingten Schwierigkeiten umgehen. Vor allem Betrieben in Branchen, die weniger nachgefragt sind, wie das Lebensmittelhandwerk oder das Reinigungsgewerbe, fällt es oft schwer Nachwuchskräfte einzustellen. Im Gegensatz dazu sind beliebte Ausbildungsplätze - z.B. im Medien- oder Sportbereich - in der Regel von einem Überangebot an Bewerbern betroffen.
Um diese Herausforderungen erfolgreich zu meistern sind Kooperationen und Unterstützungen notwendig, die überregional funktionieren. Eine Möglichkeit wäre die Mobilität von Auszubildenden zu erhöhen, sei es durch ein Jobticket oder einen Firmenwagen. Aber auch die Unternehmen selbst müssen in Zukunft Änderungen bei ihrer Bewerbersuche vornehmen und ihr Einstellungsverhalten ändern. Die deutsche Handwerkskammer geht hier bereits mit kreativen Beispielen voran. Mit aufwendig produzierten und humorvollen Videoclips, wird die Zielgruppe direkt angesprochen. Da gerade dem Handwerk Auszubildende fehlen, fordert die Handwerkskammer von Bildungseinrichtungen, Schüler genauer über die Möglichkeiten der mehr als 130 verschiedenen Ausbildungsberufe im Handwerk zu informieren.
Ein vielversprechender Versuch, dem Fachkräftemangel im Handwerk entgegenzuwirken ist das sogenannte Berufsabitur. Ab 2018 testen einige Bundesländer dieses Modell, in dem Auszubildenden die Möglichkeit geboten wird, innerhalb von vier Jahren nicht nur eine Berufsausbildung abzuschließen, sondern gleichzeitig auch die allgemeine Hochschulreife zu erlangen.
Arbeitsbezogene Lehrbücher Deutsch für Auszubildende mit Migrationshintergrund
Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund und Geflüchteten in die duale Ausbildung
Abgesehen von diesen Schwierigkeiten, mit denen der deutsche Arbeitsmarkt zu kämpfen hat, ist weiterhin die Eingliederung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund und vor allem die hohe Zahl junger Geflüchteter in die duale Ausbildung, eine zu lösende Aufgabe. Jugendliche mit Migrationshintergrund sind in der Berufsausbildung noch immer weniger vertreten. Sie verfügen zwar insgesamt über niedrigere Schulabschlüsse, aber auch bei gleichen schulischen Voraussetzungen sind ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz deutlich niedriger. Werden weitere Faktoren, wie das Such- und Bewerbungsverhalten, die Berufswahl und der Ausbildungsmarkt am jeweiligen Wohnort miteinbezogen, bleiben die Chancen von Bewerbern mit Migrationshintergrund schlechter. Einiges deutet darauf hin, dass Betriebe jungen Migranten gegenüber eher Vorbehalte haben, als jungen Menschen ohne Migrationshintergrund. Eine bedenkliche Entwicklung, die weiterer Initiativen seitens Politik und Bildungseinrichtung bedarf. Vor allen Dingen ist aber ein Umdenken in den Ausbildungsbetrieben notwendig.
Neben Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die schon seit längerer Zeit in Deutschland leben bzw. hier geboren sind, ist die große Anzahl Geflüchteter eine Herausforderung - aber auch Chance - für den Arbeits- und Ausbildungsmarkt. Die Bildungsintegration Geflüchteter mit Bleibeperspektive erfordert erhebliche Anstrengungen von Wirtschaft und Politik. Das deutsche Berufsbildungssystem muss sich auf eine steigende Nachfrage nach berufsbezogenen Sprachkursen, Berufsorientierung, Berufsausbildung und Nachqualifizierung vorbereiten. Beachtet werden muss dabei die Beibehaltung der Qualitätsstandards der dualen Berufsausbildung. Gleichzeitig müssen Ausbildungsangebote der Vielfalt der Bildungsvoraussetzungen, den Fluchterfahrungen und dem Alter der Geflüchteten angepasst werden. Ebenso muss ausreichend Zeit für die Vermittlung grundlegender Kompetenzen eingeplant werden, denn aktuell zeigt sich bereits, dass viele Geflüchtete länger in Integrationsmaßnahmen und Sprachkursen verweilen als zunächst erwartet. Solange die Berufsausbildung als Investition in eine langfristige Integration in Deutschland angesehen wird, zahlt Geduld sich jedoch aus. So können Geflüchtete in Zukunft ein wichtiger Faktor werden, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.
Die Seite der Betriebe signalisiert bereits seit 2016 aktive Bereitschaft, Geflüchtete auszubilden. Mitte 2017 waren bereits 15.000 junge Geflüchtete in einer dualen Ausbildung in einem Betrieb der deutschen Industrie- und Handelskammer beschäftigt. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung teilt mit, dass 2017 von insgesamt 26.500 Bewerbern mit Fluchthintergrund mehr als ein Drittel eine Ausbildung begonnen hat oder an einer anderen Eingliederungsmaßnahme teilgenommen hat. Defizite sind noch in Branchen zu beklagen, in denen eine besonders hohe Sprachfertigkeit nötig ist, wie beispielsweise im Finanz- oder Versicherungswesen. Generell kann in diesem Zusammenhang aber zuversichtlich in die Zukunft geblickt werden.
Insgesamt positive Entwicklung des deutschen Ausbildungsmarktes
Auch wenn der deutsche Arbeitsmarkt und hier insbesondere der Bereich der dualen Ausbildung einigen Herausforderungen begegnet, ist insgesamt ein positiver Eindruck zu vermelden. Es wurden zahlreiche erfolgversprechende Initiativen in die Wege geleitet, trotz der erwähnten und immer weiter steigenden Studierneigung junger Menschen ist die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge 2017 gestiegen. Besonders das Handwerk und der öffentliche Dienst haben hier Zuwächse zu verzeichnen. Vielleicht ein erster Erfolg der initiierten Kampagnen.
Im europäischen und internationalen Vergleich steht Deutschland dazu noch immer sehr gut dar und verzeichnet mit 7% eine außerordentlich niedrige Rate an Erwerbslosen unter 25 Jahren.
Quellen:
Bundesministerium für Bildung und Forschung (bmbf.de): Die Chancen auf dem Ausbildungsmarkt verbessern sich weiter
Bundesministerium für Bildung und Forschung: Duale Berufsausbildung sichtbar machen
Bundesinstitut für Berufsbildung (bibb.de): Berufsausbildung - Schlüssel zur Integration
Spiegel Online: Wie das Handwerk um Azubis kämpft
DIHK: Ausbildung 2017. Ergebnisse einer DIHK-Online-Unternehmensbefragung
Mona Granato und Frank Neises (Hrsg.): Geflüchtete und berufliche Bildung
Deutscher Industrie- und Handelskammertag: Akademische versus berufliche Bildung - Mit Vorurteilen aufräumen!
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