Interview Prof. Dr.-Ing. Reinhard Langmann und Prof. Dr. rer. nat. Harald Jacques von der HSD
Gespräch in der HSD: v.r.n.I H. Mahler Schintag, CH, Limbeck, Prof. Dr Ing. R. Langman, Prof. DR rer.nat.H.Jacques
Prof. Dr. –Ing. Reinhard Langmann und Prof. Dr. rer. nat. Harald Jacques sind Professoren im Fachbereich Elektro und Informationstechnik an der Hochschule Düsseldorf (HSD). Herr Prof. Dr. Langmanns Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen in den Bereichen Angewandte Internettechnologien, e-technology und Teletechniken. Er beschäftigt sich mit Kommunikationssystemen, wie der Mensch-Maschine-Kommunikation, mit Multimediatechnik und Prozessinformatik. Die Forschungs- und Lehrschwerpunkte von Herr Prof. Dr. rer. nat. Jacques sind Messtechnik, Regelungstechnik und Steuertechnik. Darüber hinaus ist der für die Arbeit im Labor für Steuer- und Regelungstechnik verantwortlich.
Lieber Herr Prof. Dr. Reinhard Langmann, lieber Herr Prof. Dr. Jacques, vielen Dank, dass Sie beide sich Zeit nehmen, um mit uns ein Gespräch zu führen. Vielleicht können Sie zu Beginn die Hochschule Düsseldorf in einigen Sätzen vorstellen.
Prof. Dr. rer. nat. Harald Jacques: Die Hochschule Düsseldorf (HSD) ist sehr breit aufgestellt. So haben wir die Möglichkeit interdisziplinär zu arbeiten. Wir haben hier den Bereich Gestaltung mit den Fachbereichen Architektur und Design, es gibt den Bereich der Technik mit den Fachrichtungen Elektrotechnik, Maschinenbau und Medien und dazu den Bereich Soziales mit Studiengängen in Sozial- und Kulturwissenschaften und Wirtschaft. Wir bemühen uns Projekte sowohl in der Lehre, als auch in Forschung und Entwicklung interdisziplinär zu gestalten. So werden neben der reinen Fachkompetenz auch soziale und wirtschaftliche Aspekte berücksichtigt und vermittelt. Ein Beispiel dafür ist das ZIS, das Zentrum für innovative Energiesysteme, das von den Fachbereichen Architektur, Elektrotechnik, Maschinenbau und Wirtschaft gegründet wurde und nun betrieben wird. Hier können also ganz verschiedene Interessen abgedeckt werden. Das ist eine Stärke der Hochschule Düsseldorf, weil so eben ein großes thematisches Spektrum abgedeckt werden kann.
Wie unterscheidet sich das Studium an der HSD von einem Studium an einer Universität?
Prof. Dr. rer. nat. Harald Jacques: Zuerst einmal sind es schon bestimmte Themen, die Fachhochschulen und Universitäten trennen. Die HSD ist sehr stark praxisorientiert, das heißt wir verbinden theoretische Lehrinhalte immer mit Praxisanwendungen und wollen das Ganze dann auch mit der aktuellen Technik der Industrie verbinden. Es finden regelmäßig Exkursionen mit den Studierenden statt, um vor Ort zu begutachten wie Dinge in der Industrie umgesetzt werden. Darüber hinaus gibt es Praxissemester und Praxisprojekte, die für die Studierenden verpflichtend sind. Außerdem werden ungefähr 70% der Abschlussarbeiten – in den Bachelor- und Masterstudiengängen – direkt in der Industrie verfasst. Das heißt die Studierenden müssen sich bereits im Rahmen dieser Arbeiten mit konkreten Kundenanfragen und ähnlichen Dingen auseinandersetzen. Im Gegensatz zu Universitäten können an Fachhochschulen auch Berufsqualifizierte studieren. Für Dozenten an der HSD ist zudem Voraussetzung, dass sie mindestens fünf Jahre praktisch tätig waren, um eine Lehrtätigkeit aufnehmen zu können. Die Lehrenden verlassen also nach Schule und Studium den Universitäts- oder Hochschulbetrieb, arbeiten in der Industrie und kehren dann zurück. Im Gegensatz zu Universitätsprofessoren, die – überspitzt formuliert – das reale Leben möglicherweise nie kennengelernt haben.
Prof. Dr. rer. nat. Harald Jacques:
Gibt es an der HSD internationale Kooperationen mit Hochschulen oder Unternehmen und wie sind hier Ihre Erfahrungen?
Prof. Dr. –Ing. Reinhard Langmann: Wir haben eine Vielzahl an internationalen Kooperationen. Momentan sind es etwa 120 mit Universitäten und Hochschulen weltweit. Bezogen auf die Fachbereiche sind diese Kooperationen allerdings recht unterschiedlich verteilt. Die Zielstellung ist natürlich meist der Austausch von Studierenden und an zweiter Stelle die Durchführung von Praxissemestern bzw. –projekten. Im Studiengang International Management ist dies sogar verpflichtend. Darüber hinaus gibt es natürlich eine Vielzahl an Kooperationen mit Unternehmen. Dazu muss man sagen, dass gerade diese für Hochschulen elementar sind. Ohne diese Kooperationen könnten wir keine Forschung betreiben oder Praxissemester anbieten.
Prof. Dr. rer. nat. Harald Jacques: Vielleicht darf ich da ergänzen, dass bei der Ausstattung von Laboren, der Unterstützung von Entwicklungslaboren oder EU-Projekten auch andere Aktivitäten hilfreich sind, wie zum Beispiel die EduNet World Association. EduNet steht für Educational Network und Herr Prof. Dr. Langmann ist zufällig gerade der Präsident dieser Association. Dort sind mittlerweile 100 Hochschulen weltweit – zunehmend aber auch Unternehmen – verbunden. EduNet dient als Plattform für den Austausch von Erfahrungen mit verschiedenen Geräten, der Ausbildung und Ausbildungszielen.
Prof. Dr. –Ing. Reinhard Langmann: In diesem Bereich könnten wir sicherlich noch einiges mehr nennen. Insbesondere unser Kompetenzzentrum Automation Düsseldorf hat eine Vielzahl von fachbezogenen Kooperationen mit vielen osteuropäischen Ländern. Wir haben außerdem intensive Kontakte nach Mexiko, nach Thailand und auch seit vielen Jahren zu Universitäten in China.
Für wie relevant halten Sie das Thema Industrie 4.0 und wo sehen Sie die größten Herausforderungen im Hinblick auf Bildung?
Prof. Dr. –Ing. Reinhard Langmann: Das ist an der HSD sehr unterschiedlich und hängt natürlich sehr von der fachlichen – aber auch der persönlichen Ausrichtung ab. Der eine weiß sehr genau, was Industrie 4.0 sein soll, der andere sehr viel weniger. Ich komme aus dem Bereich der Automatisierungstechnik und aus der Informatik bzw. der Informationstechnik. Für mich ist Industrie 4.0 also eine sehr wichtige Geschichte. Ich bin der Auffassung, dass wir in allen Lehrveranstaltungen den Anteil der Informationstechnik erhöhen müssen. Das lässt sich aus meiner Sicht, als Promovierter in technischer Informatik, einfach sagen. Jemandem, der mit ganz anderen Themen beschäftigt ist, wird das sehr viel schwerer fallen. Aber nur, wenn wir das Thema Industrie ganz breit angehen, dann können wir bei Industrie 4.0 auf allen Gebieten etwas erreichen. Bei uns in der Automatisierungstechnik ist es ganz konkret. Es gibt einfach neue Themen, die wir behandeln müssen: Das sind zum Beispiel neue Mensch-Maschine-Kommunikationstechniken, das sind digitale Welten oder der digitale Zwilling, neue Benutzerschnittstellen mit Augmented Reality und ähnliche Dinge, auch die haptische Bedienung von Geräten. Ganz entscheidend für die Automatisierungstechnik ist auch die Serviceorientierung, die neu hinzukommt. Ein Automatisierungstechniker kennt bisher nur Funktionen, keinen Service. Dass in Zukunft zum Beispiel Funktionen über bestimmte Zeiträume gemietet werden können, wo etwas muss vermittelt werden, das müssen wir in die Ausbildung integrieren.
Prof. Dr. –Ing. Reinhard Langmann
Prof. Dr. rer. nat. Harald Jacques: Da haben wir wieder einen interdisziplinären Ansatz, vielleicht gemeinsam mit unseren Wirtschaftlern: neue Geschäftsmodelle. Der Automatisierer hat seine Hardware und weiß sie zu bedienen, wenn diese aber demnächst aus einer Cloud geladen werden müssen, da stellen sich ganz neue Fragen. Wie läuft beispielsweise der Zahlungsverkehr, wenn Unternehmen Steuerungen inklusive Updates der Software verkaufen und wir sagen: „Brauchen wir nicht, haben wir in der Cloud!“ Das sind ganz neue Geschäftsmodelle. Ein gutes Beispiel sind Drucker, die waren früher sehr teuer. Heute bekommen sie den fast geschenkt, weil das Geschäft mit den Tonerkassetten gemacht wird. Der Markt hat gelernt, dass die Verbrauchsmittel das Geld machen, nicht das Gerät. Das sind einfach komplette Änderungen. Wer diese neuen Geschäftsmodelle nicht mitbekommt hat verloren.
Wo sehen Sie in diesem Zusammenhang die Politik gefordert, wo muss die Industrie sich verändern?
Prof. Dr. –Ing. Reinhard Langmann: Das ist natürlich schwierig. Die Politik muss erstmal Rahmenbedingungen schaffen. Da können wir uns natürlich unterhalten, was sind diese Rahmenbedingungen? Für meine Begriffe fehlen in Deutschland bundesweite Standards. Die gegenwärtige Kleinstaaterei im Bereich der Bildung ist aus meiner Sicht ein Nachteil. Von der Industrie würde ich mir wünschen zu erfahren, welche zukünftigen Anforderungen haben sie denn, im Zusammenhang mit Industrie 4.0 an uns, an die Bildungsanbieter. Das wird mir momentan zu wenig thematisiert. Es heißt immer uns fehlen die Fachkräfte – aber was sollen die denn können? Was ist wirklich erforderlich? Wir können uns natürlich was ausdenken, aber in erster Linie wäre es wichtig zu erfahren, was denn die Industrie in vielleicht zehn oder zwanzig Jahren für Anforderungen hat.
Prof. Dr. rer. nat. Harald Jacques: Hinzu kommt: Bessere Geräte, breiterer Netzausbau, Clouds mit immer mehr Speichervolumen – das alles ist nur die technische Seite. Wir vergessen, dass dies alles eine soziale und wirtschaftliche Komponente hat. Es gibt schon jetzt Menschen, die sich abgehängt fühlen. Wir müssen in irgendeiner Form diesen Transformationsprozess begleiten. Es gibt Fragetools im Internet, dort kann ich beispielsweise eintragen, dass ich Elektroinstallateur bin. Dann rechnet dieses Tool aus, dass mein Job in Zukunft zu 60% von Technik erledigt werden kann – und dann fragen wir uns, warum wir keine Studienanfänger mehr haben. Gleichzeitig sagt der VDE (Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik; Anm. d. Red.), wir brauchen in den nächsten zehn Jahren 100.000 Absolventen. Das Ganze muss extrem sozial begleitet werden. Nehmen Sie das autonome Fahren, das ist eine wunderbare Sache. Aber sprechen Sie mal mit Ihren Freunden oder Nachbarn, keiner will so ein Fahrzeug haben. Das Lenkrad nicht mehr anfassen, nicht mehr Herr des Geschehens zu sein, das will niemand. Damit sind auch unsere Sozialwissenschaftler und unsere Wirtschaftler sehr beschäftigt – um auch hier nochmal das Interdisziplinäre zu betonen. Wir Techniker entwickeln was entwickelt werden kann. Aber es muss eben begleitet werden.
Kontrolle eines Heizkörpers mit Hilfe digitaler Medien.
Welche Rolle spielen digitale Medien im Studium an der HSD?
Prof. Dr. –Ing. Reinhard Langmann: Ich möchte zu der Sache etwas Grundsätzliches sagen. Natürlich kann man digitale Medien einführen, da gibt es mittlerweile viele Möglichkeiten. Es gibt Remote Labs, eLearning-Angebote, und Web Based Training. Aber ich muss natürlich Dozenten und Lehrer haben, die damit umgehen können. Das ist für meine Begriffe das größte Problem, warum diese Angebote zu wenig genutzt werden. Wir müssen die Lehrkräfte, von den Schulen bis zu den Hochschulen, vorbereiten, damit sie diese Dinge auch anwenden können. Es nützt nichts, eLearning-Angebote einfach zur Verfügung zu stellen und keiner weiß sie wirklich zu nutzen. Dazu ist es momentan so, wenn man Studierenden anbietet, eine Quiz-App, Web Based Trainingssysteme oder Remote Labs, die wir an der HSD durchaus haben, zu nutzen, dann erwidern sie: „Schön, was brauche ich denn für die Klausur?“ Dann machen Studierende das was sie brauchen, um die Prüfung zu bestehen. Wenn ich eLearning-Angebote nicht in das Curriculum einbaue und nicht sage, ihr müsst dieses Remote Lab durchführen und ein Ergebnis vorweisen oder ihr müsst euch dieses eLearning- System ansehen, dann werde ich ein Problem haben.
Prof. Dr. rer. nat. Harald Jacques: Aus meiner Sicht ist es auch ein Generationenproblem. Es sollen nun Technologien genutzt werden, die für einige ältere Dozenten sicherlich etwas Neues sind, während die Studierenden mit dieser Technik aufgewachsen sind. Für einige ist es vielleicht eine schwierige Situation, wenn die Studierenden in speziellen Punkten weiter sind als der Lehrende – wobei so natürlich auch eine tolle Lehrform möglich wäre. Der Studierende müsste dem jeweiligen Dozenten etwas beibringen und ein Thema aufbereiten, was zu einem ganz anderen Verständnis führt. Aber das sind wieder diese Kernprobleme, womit wir wieder bei den sozialen Problemen sind. Es besteht die Gefahr, dass neue Techniken zu einem gewissen Teil abgelehnt werden, weil einige Dozenten besorgt sind, ihren Kompetenzvorsprung zu verlieren. Ich denke das ist auch in China ein Problem. Es gibt ganz tolle Showrooms und Lernfabriken, mit fantastischen Anlagen - genutzt werden diese aber kaum, weil die Sorge besteht, dass etwas kaputtgehen könnte.
Prof. Dr. –Ing. Reinhard Langmann: Lernfabriken sollten Orte sein, an denen die Leute lernen. Da steht man an den Anlagen, probiert aus, bastelt etwas.
Prof. Dr. rer. nat. Harald Jaques: Und da muss auch mal was kaputtgehen dürfen, daraus lernt man ja erst!
Wie ist Ihre bisherige Erfahrung mit der Integration von digitalen Medien in die Lehre?
Prof. Dr.-Ing. Reinhard Langmann: Für mich ist das Fazit bei der Bildung: Wenn es keine Vorgaben durch Dozenten gibt, gibt es auch keine Anwendung von digitalen Medien. Was einige meiner Studierenden einsetzen – ohne dass ich sie darauf hinweise – sind Tablets, auf denen sie die Skripte der Vorlesungen vorliegen haben und dort dann Notizen einfügen. Dazu nutzen viele ein Lernportal der HSD, um Dokumente auszutauschen oder Informationen herunterzuladen. Eine durchgängige Nutzung von eLearning-Systemen, Kollaborationen über soziale Netzwerke oder ein Remote Lab, muss vom Dozenten eingefordert werden – auf freiwilliger Basis ist das schwierig.
Prof. Dr. rer. nat. Harald Jaques: Bei all diesen eLearning-Systemen sprechen wir von Simulationen, selbst wenn ich dabei auf eine reale Anlage schaue, arbeite ich vor einem Bildschirm sitzend. Das haptische Erlebnis ist immer weniger möglich. Das Haptische ist aber durch nichts zu ersetzen! In der letzten Woche hat der Fahrlehrer-Verband gemeldet, dass immer mehr Fahrschüler durchfallen – in Theorie und Praxis. Die Fahrschüler brauchen heute im Schnitt doppelt so viele Fahrstunden als es früher der Fall war. Eine Erklärung dafür ist, dass junge Menschen nicht mehr in der Lage sind ihre Umgebung richtig einzuschätzen, weil sie permanent auf Smartphones oder Tablets fixiert sind. In Augsburg wurden Ampeln in den Boden eingelassen, weil Fußgänger, die auf ihre Smartphones starren, Unfälle verursacht haben. Nun wurde festgestellt, diese Ampeln sehen sie auch nicht. Der Blick wird fokussiert und es fehlt irgendwann der Rundumblick. Ich bin der Meinung, dass eLearning in Maßen genutzt werden sollte. Wir brauchen Blended Learning – also eine Mischform aus eLearning und herkömmlichen Lehrmethoden.
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